Silvan Schmid – Die Vorstellung Erweitern

Silvan Schmid ist ein Trompeter, der mit seinem Musik-Verständnis zu den spannendsten Vertretern der jungen Schweizer Szene gehört. Der Mitbegründer des Zürcher Gamut Kollektivs unterhält einen regen Austausch mit nationalen und internationalen Musikern und Musikerinnen. Er ist vielseitig, neugierig, offen und enorm talentiert.

—-Beim Üben versuche er manchmal. gleichzeitig hohe und tiefe Töne zu blasen, sagt Silvan Schmid. „So komme ich auf neue Spielweisen und gleichzeitig auch auf neue Musik.“ Schmid möchte technisch und klanglich weiterkommen, seinen eigenen Sound entwickeln. „Definitiv“, lächelt er. „Mich interessiert, in der Musik möglichst einen eigenen Zugang zu suchen und nicht zu spielen. was schon vorgefertigt ist.“ Selbst wenn es am Ende nicht möglich ware, tatsachlich et-was Neues zu kreieren: „Es geht um die Haltung der Offenheit. So wie man lebt und sich das Leben vorstellt. so organisiert sich auch die Musik.“

IMAGINATION UND MUSIK

—-Wir treffen Silvan Schmid im Neubad in Luzern. wo er mit Chris Wiesendanger und Elio Amberg ein kurzes Monk-Programm spielt. Der Zürcher beschäftigt sich intensiv mit Musik und seiner Rolle darin. Er sucht, was er selber beitragen kann, um den musikalischen Horizont zu weiten, neue Ausdrucksweisen zu entdecken. „lch realisiere immer stärker, wie eng das Hören und das Spielen zusammenhängen. Wenn ich die Musik verändern und erweitern will., muss ich die Wahrnehmung und das Hören erweitern“

—-Dazu helfen ihm Übungen wie das gleichzeitige Spielen von hohen und tiefen Tönen. Oder spezifische Imaginationen. Wie stellt man sich Musik vor, bestimmte Klänge? Was hat sie fur Formen? Lässt sich das wahrnehmungsmässig steuern? „Wenn ich versuche, nach räumlichen Vorstellungen zu arbeiten, komme ich oft auf andere Klänge und es entsteht im besten Falle eine neue Musik.“

—-Das lässt sich auf konkrete Beispiele herunterbrechen. Schmid stellt sich beispielsweise Linien oder Punkte vor. Grosse Räume. Kleine Räume. Oder: Was ist ein enges Geräusch? Ein offenes Geräusch? Und wie klingt es, wenn er sich vorstellt, den Klang der Trompete nicht als Strahl zu belassen, sondern ihn quasi im Raum zu verteilen? Schon lange interessiert er sich für Tanz. Auch das ist Bewegung, Rhythmus. Körper im Raum sind wie Klänge im Raum. „Die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Tempi: Auch das ist eine interessante Vorstellung.“

—-Das Musikhoren sei ein wichtiger Teil seines Alltags. sagt Schmid. „Das Hören ist genauso ein kreativer Prozess wie das Spielen.“ Musik einfach im Hintergrund laufen zu lassen, sei nicht sein Ding. „Ich setze oder lege mich lieber hin und höre zu.“ Meistens sind es aktuelle Alben mit improvisierter Musik. „Ich finde es spannend. wenn ich Sachen entdecke und ich mich fragen muss, warum eine Musikerin, ein Musiker das macht. Es ist, wie auf eine Band zu stossen, die man zuerst nicht so versteht, aber mit der Zeit interessant findet.“

MALTE BURBA UND TIILL BRONNER

—-Schon als 13-Jähriger wurde er dank seinem ersten Trompetenlehrer André Meier auf Miles Davis oder moderne Musiker wie Heiner Goebbels aufmerksam. „Manches war vielleicht etwas anstrengend zu hören, aber es hat mich von Anfang an gepackt.“ 2008 begann er die Jazz Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Kunste (Daniel Schenker, Matthieu Michel). Weitere Studien folgten in Dresden und in Berlin beim „Trompeten-Buddha“ Malte Burba und bei Till Bronner.

—-Trotz der Brönner’schen Bop-Schule verschob sich sein Interesse stetig in Richtung freie Improvisation. Schmid wurde Mitbegründer des Zürcher Gamut Kollektivs, veranstaltete Konzertreihen, veröffentlichte mit seinem Quintett ein viel beachtetes Album („At Gamut“, HatHut), machte Aufnahmen mit seinem Trio und mit seinem transkontinentalen Quartett HUM, dessen Album im Januar 2019 erscheint.

—-lm Umfeld des Café Oto in London lernte er während seines sechsmonatigen Atelieraufenthalts 2017 die Cellistin Ute Kannegiesser, den AMM-Perkussionisten Eddie Prévost oder den Saxophonisten Seymour Wright kennen. Inspirierend findet er die französischen Saxophonisten Michel Doneda und Jean-luc Guionnet oder die Youngsters vom „collective 2035“ in Paris. Respekt hat er vor Hans Kennel, in dessen Formation „Wood & Brass“ er mitspielt. „Es beeindruckt mich, wie er sein Zeugs verfolgt hat. Er hat mein Selbstvertrauen gestärkt. meinen Weg zu gehen“

DUOS UND ERSTES SOLOPROGRAMM

—-Gerne spielt Schmid in Duos oder in anderen kleinen Besetzungen, so etwa mit dem Zürcher Blockflötisten Alex Riva, der Pariser Bassistin Félicie Bazelaire oder dem Genfer Saxophonisten Bertrand Denzler. Als „super spannend“ bezeichnet er die Zusammenarbeit mit der Pariser Tänzerin Lotus Edde Khouri. Ein weiteres Duoprojekt hat er mit dem Luzerner Saxophonisten Elio Amberg. „Vielleicht gelingt es mir in der näheren Zukunft auch mal, verschiedene Duos auf einem Album zu versammeln.“ Aktueller aber ist ein anderes Projekt, das Schmid seit gut einem Jahr intensiv verfolgt: Es ist sein erstes Soloprogramm, das auch auf Platte erscheinen soll. Man darf sich extrem darauf freuen!