The New Song
Konstanz – Eigentlich sollte der Wolkensteinsaal zu klein sein, wenn das an der Stuttgarter Musikhochschule beheimatete Jugendjazzorchester BW seinen 30. Geburtstag in Konstanz feiert.

Die Plätze haben ausgereicht, und der Saal brodelt, als ungefähr jede der 14 Nummern bejubelt wird, und das mit bestem Grund, denn das mit 18 Musikern (davon nur zwei junge Damen) fast kammermusikalisch besetzte Orchester soundet mit seinem Durchschnittsalter von 18 Jahren (!) daher wie alte Jazzhasen, ist exakt vorbereitet, konzentriert, diszipliniert und dennoch losgelassen.

Richtig sympathisch

Nichts an diesem Orchester ist in die Jahre gekommen, auch nicht Professor Bernd Konrad, Leiter seit Gründung 1981, der diesen Geburtstag auch in seiner eigentlichen Heimatstadt Konstanz feiern wollte. Im Gegenteil: Die musikalischen Qualitäten der jungen Jazzer nehmen zu, da die „Jazz-Pädagogik“ diesen Musikstil in professionelle Höhen emporhebt. Und „da oben“ wird unter Bernd Konrads eher zurückhaltendem Dirigat musiziert. Dass Konrad die Stücke anmoderiert, aus der Jazzschule plaudert und seine Schüler namentlich vorstellt, macht die Sache richtig sympathisch und der Saal applaudiert ermunternd, als der Leiter meint, man würde künftig gerne eher alle fünf Jahre in Konstanz spielen als nur wie bisher einmal in jedem der drei Jahrzehnte.

„The New Song“ (Fritz Renold) gibt die Richtung vor: Kaum Standards, viel Neues, Gewagtes, höllisch Schwieriges, Herausforderndes, jazzsymphonisch Zündendes.

Und immer die treibende Kraft der Spannung von Bigband-Tutti und Solo-Chorus, wo sich die jungen Leute die musikalische Klinke in die Hand geben: Satte Saxofonsoli vom kleinen Einwurf bis zur ausgewachsenen Solo-Impro, atemberaubend virtuos mit Snaps und Glissandi („Channel One Suite“ von Bill Raddie); Posaunen- und Trompetenquartett in samtenem Wohlklang und brandheißem Ekstaseschrei und sanft-elegischem Trompeten-Trauersolo in Peter Herbolzheimers „Ballad for a friend“ mit schleppenden Blues-Klängen; ein Vibrafonsolo von enormer Schlagwucht und Treffsicherheit („Count Bubba“ von Gordon Goodwin mit E-Gitarren-Riff); ein Drumssolo überhitzter Ekstase („Channel One“); das Piano-Management vom Akkordspiel bis zum hervortretenden Solo (am Flügel der Konstanzer David Schuckart).

Als ein Vokalterzett von liebenswürdig und schmeichelnd bluesig über rauchig balladesk bis jazzröhrig geben sich Katharina Grebitz aus Kreuzlingen mit sonorer Tiefe und explosivem Stimmtemperament in „Don’t Know Why“ und dem wilden „I’m gonna life“; die Deutschamerikanerin Denise Taylor mit angenehmem Tremolo und feinem Pep im Bossanova „Chega de saudade“ und „Orange Colored Sky“: Philip Braun mit liedhaftem Bariton-Schmelz, aber auch explosivem Fortissimo in „Birds flying“, „Moondance“ und Roger Ciceros flippigem „Frauen regier’n die Welt“-Swing.

Da war im Jubiläumskonzert alles zu hören und zu fühlen, was „gehobenen“ Jazz ausmacht: Glänzende Spieltechnik, groovende Stimmung, satt abgehende Stücke, U-Musik auf E-Musik-Qualität poliert. Unverzichtbar, dieses Orchester, wie das Kultusministerium des Landes anmerkt!

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